Nordindische Gesangskunst mit der Khyalsängerin
JYOTIKA DAYAL
Die indische Gesangskunst zeigt am deutlichsten, dass bei der klassischen indischen Musik zwei grundlegende Charakteristika kennzeichnend sind. Zum einen ist sie eine modale Musik, die keinen Tonartwechsel kennt, also an einem gleichbleibenden, unveränderten Grundton festhält. Zum anderen ist sie vokal konzipiert; also auch die reine Instrumentalmusik lässt stets erkennen, dass die menschliche Stimme als Vorbild dient.
Auch wenn ein Instrumentalmusiker keine gute Stimme hat, und auch kein ausgebildeter Sänger ist, so sollte er all das, was er durch seine Improvisationen zum Ausdruck bringen möchte, leise mitsingen können, oder zumindest mental mitsingen können; das nämlich erleichtert ihm das Improvisieren. Während der Instrumentalist also erst einmal die Technik seinen Instruments erlernen muss, so kann die Sängerin oder der Sänger den direkten Weg gehen, seine inneren Gefühle zum Ausdruck zu bringen. Aber auch hier ist eine langjährige Ausbildung unerlässlich, so z.B. für die Atmungstechnik der schwierigen Gamakimprovisationen (Stimmvibrationen).
Ein wichtiger Aspekt beim indischen Gesang ist auch der, dass die schnellen Tonfolgen mit der Hand gestisch verdeutlicht werden. Dies ist aber nicht nur für das Publikum faszinierend anzusehen, sondern hat für den Künstler eine sehr wichtige Bedeutung. Sämtliche Töne der drei Oktaven sind nämlich einem bestimmten Körperpunkt zugeordnet. Die untere Oktave reicht von den Zehen bis zum Nabel. Am Nabel befindet sich auch der Grundton, von dem er bei seinen Improvisationen ausgeht. Die mittlere Oktave reicht vom Nabel bis hin zum spirituellen Auge (oberhalb den Schläfen). In der mittleren Oktave befinden sich neben dem Grundton die zwei nächst wichtigsten Noten, nämlich die Quarte (Brustbein), sowie die Quinte (Herzgegend). Die obere Oktave reicht vom spirituellen Auge bis hin zum Scheitelpunkt. Der menschliche Körper weißt also an vier Stellen den Grundton auf: Zehe, Nabel (Ausgangspunkt), spirituelles Auge und Scheitelpunkt.
Wenn nun eine Musik vom Notenblatt gespielt wird, so hört der Musiker in der Regel den Ton erst dann, wenn er ihn gerade singt, oder anspielt. Bei der Improvisationsmusik ist es aber wichtig, dass der Musiker die Noten, die er nach der "jetzt" gespielten Note anklingen lassen möchte "jetzt" schon fühlt. Er muss in seinem musikalischen Denken also immer schon einige Sekunden voraus sein. Daher sind eben die Handgestiken so ungeheuer wichtig, da er nämlich durch die Gestik die Note in seiner Körpernähe anzeigt, wo er sich gerade mit der Stimme befindet, jedoch mit seiner inneren mentalen Stimme schon einige Töne voraus ist. So lässt sich auch das Obertonsingen erklären, dass mit der Stimme die Frequenz einer Note festgehalten wird, mit der mentalen Stimme liegt man gleichzeitig eine oder auch mehrere Noten darüber.
Eine Musik, die unter solchen Gesichtspunkten entsteht, setzt ein nach innen gerichtetes, kontemplatives Musikdenken voraus, so auch bei der Stimm- und Gesangsakrobatin JYOTIKA DAYAL.
Jyotika Dayal wurde am 5.November 1967 in Benares/Indien geboren. Ihre Ausbildung zum Khyalgesang bekam sie bei Pandit Amarnath und später bei Smt. Shanti Sharma an der Shri Bharatiya Kala Kendra in New Delhi. Seit 1996 ist sie regelmäßig im indischen Hörfunk bei ALL INDIA RADIO zu hören.Seit 1998 konzertiert sie auch in Europa, wo u.a. im Juni 2000 ein Konzert vom SWR-Hörfunk übertragen wurde.
Jyotika Dayal & Smt. Kishori Amonkar waehrend der Preisverleihung des "Sumitra Charat Ram Award" 2011